Die Glocke | Nr.: 22 | Rietberg | Montag, den 27.01.2025
Rietberger Heimatverein stellt Zeitzeugen aus Stein aus
14.000 Jahre alter Feuerstein erzählt die Geschichte der Federmesser-Nomaden. Nun liegt das Gestein im Heimathaus Rietberg aus.
Rietberg (gdd) – Eine Vitrine in der Deele des Rietberger Heimathauses enthält seit kurzem eine kleine Auswahl von Gesteinsfunden: Es sind bearbeitete Teile von braunem baltischen Feuerstein. Vor rund 14.000 Jahren, im Zeitalter des Spätpaläolithikums, hinterließen die teils scharfkantigen und zugespitzten Werkzeuge und Abschläge von Kieselknollen nomadisierende Eiszeitjäger im Überschwemmungsgebiet der Ems, dem heutigen Siedlungsgebiet „Große Höppe“.
Zwei Bürger machen die Fundstellen 1972 bekannt
Die ausgestellten Exponate weckten kürzlich das Interesse von Besuchern, die auf Einladung des Heimatvereins an der Jahresauftaktveranstaltung teilgenommen haben. Doch wo kommen die Gesteine eigentlich her? Ein Blick zurück.
Die spätpaläolithischen Fundstellen auf der „Großen Höppe“ am südlichen Stadtrand Rietbergs haben 1972 zwei Pohlbürger bekannt gemacht. Zu diesen gehörte auch Heimatkundler Herbert Bolte (†). Mit Gespür und kundigem Blick für archäologische Auffälligkeiten streifte er durch die Gegend und bewertete in jeder Baustelle Scherben und andere Relikte nach ihrer historischen Bedeutung. Bolte sammelte auf dem später bebauten Große-Höppe-Areal am Rande der Ems, zwischen Jüddeldamm und Schlossstraße, selbst kleinste Splitter des Gesteins Silex für den Heimatverein Rietberg, denn: Dessen damaliger Vorsitzender Dr. Michael Orlob, der in den frühen 1970er-Jahren am Jüddeldamm ein Grundstück erworben und bebaut hatte, teilte Boltes leidenschaftliche Neugier für Vorzeitrelikte. Als im Zuge der Höppe-Bebauung immer mehr „Steine der besonderen Form“ entdeckt wurden, entfalteten Bolte und Orlob einen außergewöhnlichen Sammeleifer.

Diese in Zigarilloschachteln aufbewahrten Funde stammen von Herbert Bolte. Sie befinden sich im Besitz des Heimatvereins der Stadt Rietberg.
Jetzt sind einige Artefakte in einer Vitrine in der Deele des Heimathauses an der Klosterstraße zu bewundern. Sie sind Beweis für die Arbeiten
der vor rund 140 Jahrhunderten im heutigen Rietberg ansässigen Federmesser-Nomaden. Fotos: Daub
Kindheitsgeheimnis lüftet sich erst Jahrzehnte später
„Diese beiden Finder haben seit 1972 Begehungen durchgeführt und zahlreiche Oberflächenfunde geborgen“, heißt es in einem Bericht der Forschergruppe „Kölner Studien zur Prähistorischen Archäologie“ in Bezug auf die Fundstelle eins. Diese befand sich in etwa im hinteren Randbereich der nebeneinander liegenden Grundstücke Orlob und Herold, die an die Straße Jüddeldamm führen.
Für Anlieger Ralf Herold lüftete sich ein Kindheitsgeheimnis derweil erst Jahrzehnte später, denn: Schon als Siebenjähriger hatte er an einer Stelle, auf der seine Familie Gartenabfälle auf ihrem Grundstück an der Grenze zu den Orlobs lagerte, „merkwürdige Knollen und Steinbrocken“ eingesammelt, wie er sich erinnert. Die dort von ihm geborgenen Feuersteine, das ergaben die Forschungen, signalisierten den Anfang und das Ende der sogenannten Federmessergruppe in Westfalen.

Im hinteren Randbereich der nebeneinander liegenden Grundstücke Orlob und Herold am Jüddeldamm
liegt die Fundstelle eins (blau markiert), an der die Gesteine gesammelt wurden. Hier verarbeiteten
die Federmesser-Nomaden vor 14.000 Jahren Birkenharz zu Pech.
Birkenharz zu Pech verkocht
Und genau an diesem Fundplatz eins wurde eine Feuerstelle unter die Lupe genommen. Das Ergebnis? Hier wurde Birkenharz zu Pech verkocht, das als Klebstoff für die Spitzen von Lanzen gedient haben soll. Hier wurden – ebenso wie an benachbarten Feuerstellen – außerdem die Jagdbeuten verteilt. Die Jagd auf Großhirsche, Bisons, Biber, Wildschweine und Rentiere, sowie Auerochsen muss vor etwa 14.000 Jahren in der Savannenlandschaft, die sich bis zum Teutoburger Wald erstreckt hat, recht ergiebig gewesen sein, wie die Expertenteams der Uni Köln und des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe belegbar bescheinigten.
Die Kölner sicherten mehrere Nomadenplätze, mithin nahmen sie begeistert entgegen, was die Rietberger Michael Orlob und vor allem Herbert Bolte ihnen als Sammelgut offerierten. Es soll sich nach ihren offiziellen Angaben um genau 8240 Lesefunde handeln. Insgesamt sind an die 20.000 Funde, darunter auch tierische und pflanzliche Proben aus der „Großen Höppe“, in der Domstadt am Rhein und anderswo verwahrt worden. Aufgrund eines Umzugs des Magazins des Landesmuseums wurden diese Artefakte damals nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, sondern in Arsenalen aufgehoben.
Nachlass verdient es, in Erinnerung zu bleiben
Doch dann erschien 2012 eine Publikation, in der unter anderem „den Entdeckern und Betreuern der Fundstelle eins“ sowie einer Auswahl von Mitarbeitern der Stadtverwaltung mit Bürgermeister André Kuper an der Spitze ausdrücklich gedankt wurde.
Auch danach wurde es aber nicht still in der Thematik. Auf der Landesgartenschau im Jahr 2008 wurde das wichtige paläolithische Fundgelände der „Großen Höppe“ nachgebaut und für kurze Zeit präsentiert. 2014 konnten Besucher in der Sparkasse der Stadt Rietberg eine Ausstellung zur Thematik bewundern.
Dass die Rietberger Heimatfreunde also stolz darauf wären, wenn sich im Heimathaus aus der Vitrinen-Schau mittelfristig eine größere Federmesser-Präsentation entwickeln würde, ist unstreitig. Der signifikante Nachlass aus der Vorzeit verdient es schließlich, vor Ort in Erinnerung zu bleiben.