Die Glocke | Nr.: 251 | Rietberg | Mittwoch, den 29.10.2025
Lesung im Heimathaus: Klimaschutz betrifft auch die Älteren
Von Norwin Witte
Bärbel Höhn, ehemalige NRW-Umweltministerin, liest im Heimathaus aus ihrem Buch zum Umweltschutz. Diese Zeitung hat sie dazu interviewt.

Setzt sich seit vielen Jahren für den Umwelt- und Klimaschutz ein: Bärbel Höhn, ehemalige NRW-Umweltministerin, kommt am Donnerstag, 30. Oktober, nach Rietberg, um ihr Buch vorzustellen. Foto: Friso Gentsch/dpa
Rietberg (gl) – Die ehemalige Umwelt-, Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerin des Landes Nordrhein-Westfalen Bärbel Höhn gastiert am Donnerstag, 30. Oktober, ab 18 Uhr im Heimathaus an der Klosterstraße in Rietberg.
Im Gepäck hat sie ihr neues Buch „Lasst uns was bewegen! Was wir jetzt für die Zukunft unserer Enkel tun können“, in dem sie sich dem Thema Umweltschutz widmet.
Der Eintritt ist frei. Im Vorfeld hat Bärbel Höhn mit dieser Zeitung über ihre Beweggründe gesprochen – und wieso gerade die Generation 60 plus einen entscheidenden Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel leisten kann.
Zielgruppe ist insbesondere die Boomer-Generation
Frage: Frau Höhn, am Donnerstag stellen Sie den Rietbergern Ihr neues Buch vor. Ganz offen gefragt: Was steckt hinter diesem Buch?
Bärbel Höhn: Seit acht Jahren arbeite ich für das Bundesentwicklungsministerium in Afrika. Dort bekomme ich die Auswirkungen der Klimakrise noch viel stärker mit als hier, wo sie ja auch schon zunehmen. Es gibt gewaltsame Auseinandersetzungen, die auch mit Lebensmittel- und Wasserknappheit einhergehen. Die Menschen werden durch Überschwemmungen und Dürren um ihr Hab und Gut gebracht. Am Beispiel dieser Menschen sieht man das, was auf uns zukommt, schon sehr, sehr deutlich.
Frage: Sie richten sich mit Ihrem Buch insbesondere an die Generation 60 plus. Warum?
Bärbel Höhn: Anders als in Afrika ist die Bevölkerung in Deutschland vergleichsweise alt. 60 Prozent der Wähler sind 50 Jahre oder älter. Und das heißt, insbesondere die Älteren bestimmen eben auch darüber, wie stark die Politik dann eine Unterstützung in der Bevölkerung hat, um Klimaschutzmaßnahmen umzusetzen.
Frage: Warum kann gerade diese Generation klimapolitisch aktiv werden?
Bärbel Höhn: Gerade wenn die Kinder aus dem Haus sind, die Enkelkinder vielleicht auch schon etwas größer sind und sie nicht mehr im Beruf tätig sind, haben Ältere Zeit und sind oft noch fit. Viele suchen dann auch nach einer Aufgabe. Ich selbst habe durch mein Engagement gemerkt, dass gemeinsam für eine gute Sache zu kämpfen, neue Erkenntnisse zu sammeln und mit Leuten zusammenzukommen, eine totale Bereicherung ist. Ich möchte die Menschen anstupsen, aus dieser Lebensphase etwas Sinnstiftendes zu machen.
Kommenden Jahre sind entscheidend für den Klimawandel
Frage: Wie können ältere Menschen für den Klimaschutz motiviert werden?
Bärbel Höhn: Die meisten von uns sind Großeltern. Unseren Enkeln geben wir unsere Zeit, unser Wissen, vielleicht auch unser Geld, wenn wir es entsprechend zur Verfügung haben. Die meisten tun ganz viel individuell für ihre Kinder und Enkelkinder. Was viele aber nicht im Blick haben: Wenn wir nicht gegen die Zerstörung der Erde angehen, werden unsere Kinder in einer Welt leben, die ihnen wahnsinnig hohe Kosten abverlangt aufgrund dessen, wie wir uns verhalten haben. Das heißt, jetzt sind die kommenden Jahre entscheidend. Wir müssen jetzt dazu beitragen, die Zerstörung unserer Lebensgrundlage aufzuhalten, die Klimakrise in den Griff zu kriegen und dafür zu sorgen, dass unsere Kinder noch eine Lebensgrundlage haben.

Im Amt der nordrhein-westfälischen Umweltministerin nahm Bärbel Höhn im Mai 2005 in Ahaus an einer Demonstration gegen den Castor-Transport teil.
Frage: Wie?
Bärbel Höhn: Indem wir selbst wirklich nachhaltig leben und Initiativen, die ich auch in meinem Buch vorstelle, wie Bund, Nabu, Greenpeace, Energiegenossenschaften, Omas for Future, Eine-Welt-Gruppen, ADFC oder VCD unterstützen.
Frage: Gerade von jungen Bewegungen wie Fridays for Future oder der Letzten Generation kam häufig der Vorwurf, dass es Ihre Generation gewesen sei, die sehr deutlich daran mitgewirkt hat, dass es um das Klima heute so schlecht steht. Finden Sie das fair?
Bärbel Höhn: Ich sehe das mal ein bisschen differenzierter. Der erste Punkt ist, dass wir seit etwa 1950 beobachten können, dass viele Parameter, die zur Zerstörung unserer Erde beitragen, drastisch nach oben gehen. Damit einher ging aber auch viel Positives.
Frage: Zum Beispiel?
Bärbel Höhn: Wir haben ein stark gestiegenes Sozialprodukt, also einen erheblich höheren Lebensstandard. Auch wenn es
immer noch einen großen Teil von armen Menschen in Deutschland gibt, haben wir vom Grundsatz her mehr Wohlstand
aufgebaut. Aber wir haben eben auch die Meere verschmutzt und die Wälder abgeholzt. Als das Buch „Die Grenzen des
Wachstums“ Anfang der 1970er-Jahre erschienen ist, haben sich junge Leute wie ich zum ersten Mal so richtig damit beschäftigt
und sich für Umweltschutz eingesetzt. Da ist vielen bewusst geworden, dass diese Erde wirklich begrenzt ist und wir etwas
zerstören, das nicht zurückholbar ist. Und das ist in den vergangenen 30 Jahren immer deutlicher geworden, auch durch die
Klimakonferenzen, die stattgefunden haben. Daher halte ich nicht viel davon, dem einen oder dem anderen die Schuld zu geben.
„Für Pessimissmus ist es zu spät“
Frage: Im Zeichen von scheinbar allgegenwärtigen Krisen wie Corona, dem Ukraine-Krieg und Gaza hat man den Eindruck, dass der Klimawandel und -schutz in der Gesellschaft tot ist.
Bärbel Höhn: Wir Menschen neigen dazu, dass wir möglichst keine Veränderung wollen und genau das machen sich viele in der Politik zu eigen. Ich habe selber in meinem politischen Leben erlebt, dass es seit 30 Jahren immer wieder große Bewegungen gibt, die sich für den Klimaschutz aussprechen. Und dann gibt es wieder Phasen, in denen das Problem verdrängt wird.
Frage: Wie kann man die Leute denn bei der Stange halten?
Bärbel Höhn: Jeder muss sich bewusst werden, dass Verdrängung nicht hilft. Wir können uns diese Aussagen „Es ist doch alles zu spät“, die dazu führen, dass man gar nichts mehr tut, nicht mehr leisten. Für Pessimismus ist es zu spät. Mein Konzept ist es, Veranstaltungen wie die in Rietberg zu machen, bei denen ich auf die Dringlichkeit aufmerksam mache und die Leute auch aktiviere. Damit kämpfe ich auch gegen Populismus und gegen Rechts, denn wir wollen ja diese Krisen wirklich bewältigen. Das geht nicht mit populistischen Sprüchen.
Frage: Würden Sie sagen, dass sich Klimaschutz und rechtskonservative Politik ausschließen?
Bärbel Höhn: Wir erleben es derzeit in den USA. Dort sind genau die Rechten auch die Klimawandelleugner. Donald Trump ist ein Klimawandelleugner. Und das ist die AfD auch, sie leugnet die Klimakrise. Bei der CDU auf Bundesebene erleben wir, dass sie den Klimawandel nicht ausreichend ernst nimmt. Sie sieht, dass die Leute konkrete Klimaschutzmaßnahmen oft nicht wollen und gehen deshalb einen Schritt zurück. Das sieht man an den Diskussionen um das Verbrenner-Aus, was Kanzler Merz wieder zurückschrauben will. Das halte ich für einen schweren Fehler, nicht nur ökologisch.
Frage: Inwiefern?
Bärbel Höhn: Je länger Deutschland als Exportnation nicht Elektroautos herstellt, sondern stattdessen seinen Firmen die Möglichkeit gibt, weiter den Verbrenner auf den Markt zu werfen, desto mehr sind unsere Arbeitsplätze hier gefährdet, desto mehr nimmt China uns auch diesen Bereich ab. Damit werden Hunderttausende von Arbeitsplätzen hier in Deutschland gefährdet.
Das heißt, ein Exportland wie Deutschland muss eigentlich Zukunftsprodukte nach vorne bringen. Rückschritte wie die, die CDU und CSU planen, sind längerfristig für unsere Wirtschaft verheerend.
Mit Argumenten statt Verboten überzeugen
Frage: Ihren Worten ist zu entnehmen, dass die Politik die Wählerschaft in dieser Hinsicht für sich gewinnen will, weil der Klimawandel eine unangenehme Tatsache ist.
Bärbel Höhn: Klimaschutz bedeutet Veränderung, neue Arbeitsplätze, aber auch Verlust und damit Ängste um bestehende Arbeitsplätze. Wobei man sagen muss: Je weniger wir jetzt gegen die Klimakrise tun, desto teurer und unangenehmer wird es in der Zukunft. Das ist ja das Verrückte. Wenn man heute jemandem noch ermöglicht, eine neue Gasheizung zu installieren, heißt das, dass derjenige in Zukunft immer mehr Kosten haben wird, weil der CO2-Preis für fossiles Gas immer steigen wird. Ein „Weiter so“ geht nicht. Wir erleben auch bei anderen Produkten, dass diese aufgrund der Klimakrise teurer werden. Etwa Kaffee oder Kakao, die weniger geerntet werden durch die Klimaveränderung. Oder zum Beispiel, wenn die Schiffe nicht mehr durch den Rhein fahren können, weil der zu wenig Wasser führt. Und führen die Flüsse in Frankreich wenig Wasser, werden die Atomreaktoren nicht mehr ausreichend gekühlt und können nicht mehr voll laufen. Dann will Frankreich mehr Strom von uns kaufen. Die Nachfrage steigt, und bei uns wird der Strom teurer. Das sind komplexe Punkte, die nicht einfach zu vermitteln sind.
Frage: Wie kann man die Bürger für den Klimaschutz gewinnen?
Bärbel Höhn: Aus meiner Sicht reicht es nicht, einfach irgendwelche Verbote auszusprechen. Stattdessen müssen wir den Klimaschutz positiv darstellen. Das versuche ich in meinem Buch. Die Leute sollten sich überlegen: Wie lebe ich eigentlich? Was kann ich tun? Das machen ja auch schon viele. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass es schon so viele Ökoprodukte gibt, dass viele Leute Abfall vermeiden und dass viele Leute mit dem Fahrrad fahren. Und dann wäre für mich der nächste Punkt zu sagen: Arbeiten Sie in einer dieser verschiedenen Organisationen mit! Ich wende es einfach positiv und sage: Es erfüllt einen in seinem Leben, gemeinsam mit anderen Leuten an etwas Wichtigem zu arbeiten.
Frage: Ist der Klimawandel noch aufhaltbar?
Bärbel Höhn: Die entscheidende Frage ist eigentlich, wie weit wollen wir es noch kommen lassen? Das CO2, das wir jetzt in die Luft blasen, wird noch zu 25 Prozent in 1000 Jahren oben sein. Das sagt das Bundesumweltamt. Je länger wir warten, desto schlimmer wird es. Dann kommen noch mehr Dürren, Überschwemmungen und Preissteigerungen auf uns zu. Es geht darum, alles zu tun, um die Klimakrise so schnell wie möglich zu überwinden. Dann können wir das, was auf uns zukommt, noch im Rahmen halten.

Ein Herz für NRW bewies Bärbel Höhn, hier neben Obstbauer Josef Klein, in ihrer Zeit als Umweltministerin des Bundeslandes Nordrhein-
Westfalen.