Heimatverein Rietberg

Rietberg – Menschen, Geschichte, Denkmal-, Umwelt- und Naturschutz

Lesung im Alten Progymnasium

Die Glocke | Nr.: 115 – 20. Woche – 144. Jahrgang | Rietberg | Samstag, den 18.05.2024

In der Stadt der schönen Giebel ist die Anne Weber am Sonntag, 26. Mai, zu Gast. Zuvor wird die Autorin
mit dem Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis ausgezeichnet. Foto: Paul Englert


Das faszinierende Leben der Anne Beaumanoir

Rietberg (gl) – Sie ist eine Meisterin ihres Fachs: Die Autorin Anne Weber wird am 24. Mai mit dem Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis geehrt. Nur zwei Tage später, am Sonntag, 26. Mai, besucht sie die Stadt der schönen Giebel und hat ihr Werk „Annette, ein Heldinnenepos“ mit im Gepäck. Über ihre Wahlheimat Paris, über das Spiel mit den Genres und über die Inspiration ihrer Literatur berichtet Anne Weber im Gespräch mit Redaktionsmitarbeiterin Laureen Linnenkamp.

Epos erzählt wahre Lebensgeschichte

Frage: Wie empfinden Sie die Auszeichnung mit dem Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis?
Anne Weber: Alleine durch die Nominierung fühlte ich mich geehrt, aber, dass ich dann wirklich zur Preisträgerin auserkoren wurde, konnte ich kaum fassen. Es war ein überwältigendes Gefühl, einen so bedeutsamen Preis für mein Werk „Annette, ein Heldinnenepos“ zu erhalten. Das Buch erschien im Frühjahr 2020 und somit zu Beginn des ersten Corona-Lockdowns. Außerdem erzählt das Epos eine wahre Lebensgeschichte in freien Versen – eine eher untypische Form. Mit Hinblick auf diese beiden Aspekte schien es mir unwahrscheinlich, von der Jury zur Preisträgerin gewählt zu werden. Umso größer fiel die freudige Überraschung aus, als dies tatsächlich geschah.

Frage: Worum geht es in diesem Buch?

Anne Weber: Das Werk dreht sich um die Lebensgeschichte von Anne „Annette“ Beaumanoir. Die Französin schloss sich im Zweiten Weltkrieg der „Résistance“, dem Widerstand gegen die Nationalsozialisten an. Im Kampf gegen die deutsche Besatzungsmacht rettete die damals 20-Jährige zwei ihr fremden jüdischen Jugendlichen das Leben, die als einzige ihrer Familie die Schrecken des Zweiten Weltkriegs überlebten. Doch mit Ende des Zweiten Weltkriegs endete keinesfalls Beaumanoirs Kampf für Freiheit und Unabhängigkeit: Als in den 1950ern der algerische Unabhängigkeitskrieg begann, ergriff die Ehefrau und Mutter Partei für die oftmals rechtlosen Algerier und stellte sich somit gegen Frankreich. Sie floh in die Schweiz. Bis zu ihrem Tod 2023 setzte sie sich für das Wohl anderer Menschen ein.

„Es kann nie falsch sein, moralisch zu handeln.“

Frage: Aus welchen Gründen entschieden Sie sich dafür, Ihr Werk der Lebensgeschichte Anne Beaumanoirs zu widmen?

Anne Weber: Anne Beaumanoir und ich besuchten dieselbe Podiumsveranstaltung in einer südfranzösischen Kleinstadt. Ich stand auf der Bühne, sie saß im Publikum und stellte eine Frage. Wir kamen ins Gespräch und sie erzählte mir von ihrem bewegten Leben. Sowohl ihre Geschichte als auch ihre beeindruckende Persönlichkeit nahmen mich ein und ich wollte mehr erfahren. Auf ein gemeinsames Abendessen folgten unzählige weitere Treffen. Trotz ihrer bedeutsamen Taten ist die Geschichte Beaumanoirs in Frankreich kaum bekannt, in Deutschland wissen noch weniger Menschen von ihr. Für mich stand schnell fest: Diese wichtige Geschichte verdient mehr Aufmerksamkeit. Außerdem fand ich es spannend, aus deutscher Sicht auf das Leben dieser besonderen Frau zu schauen.

Frage: Was haben Sie von der Kämpferin gelernt und was möchten Sie Ihren Lesern und Zuhörern ans Herz legen?

Anne Weber: Die Geschichte Beaumanoirs zeigt, dass das Streben nach Idealen immer mit Risiken behaftet ist. Handeln birgt die Gefahr von Fehlern, aber nicht zu Handeln wäre definitiv ein Fehler. Eine Lehre, die jeder von uns aus dem Lebensweg der Widerstandskämpferin ziehen kann, ist, dass es nicht falsch sein kann, einem menschlichen Impuls zu folgen und moralisch zu handeln.

Leben in Paris, zu Besuch in Rietberg

Frage: Ihr Geburtsort ist Offenbach am Main, Sie wohnen in Paris. Was führte Sie in die französische Hauptstadt?

Anne Weber: Direkt nach meinem Abitur zog es mich 1983 in die Metropole, in der ich zuerst als Au-pair tätig war. Eigentlich war geplant, anschließend nach Deutschland zurückzukehren. Doch ich verfiel dem Pariser Charme und beschloss, in Frankreich zu bleiben. Dort erschien 1998 auch mein erstes Buch „Ida invente la poudre“ (übersetzt: „Ida erfindet das Schießpulver“).

Frage: Paris und Rietberg – zwei Städte, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Mit welchen Erwartungen kommen Sie an die Ems?

Anne Weber: Ich lebe zwar in einer Millionenstadt, aber empfinde auch kleinere Städte als reizend. Mein Abitur absolvierte ich im hessischen Büdingen, zu meiner Jugendzeit noch als Kleinstadt verzeichnet. Insbesondere für Lesungen bevorzuge ich kleine Städte. Erfahrungsgemäß wird man von einem interessierten Publikum herzlich empfangen. Ich freue mich sehr auf meinen Besuch in Rietberg und bin gespannt, was mich erwartet.

Lesung am 26. Mai im Alten Progymnasium

Wer ebenfalls gespannt ist und mehr über die faszinierende Lebensgeschichte Anne Beaumanoirs erfahren möchte, ist am Sonntag, 26. Mai, im Alten Progymnasium an der Klosterstraße, genau richtig. Los geht es um 11 Uhr. Karten gibt es über www.kulturig.de.

Zwölf vielfältige Werke

Anne Weber kann mittlerweile zwölf Werke aus eigener Feder vorweisen. Ob poetische Kurzprosa, Herkunftsgeschichte oder Gewissensepos – das Repertoire der 59-jährigen Autorin ist vielfältig. Die Jury des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe wird Anne Weber am Freitag, 24. Mai, für ihr Gesamtwerk ehren und mit dem LWL-Literaturpreis, dem „Annette-von-Droste-Hülshoff“-Preis, auszeichnen. Der Preis geht an Persönlichkeiten, die sich durch besonders herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Literatur hervorgetan haben und wird – ursprünglich im zwei- bis vierjährigen Turnus – seit 2024 nunmehr alle fünf Jahre verliehen.

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