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Die Glocke | Nr.: 269 – 47. Woche – 144. Jahrgang | Rietberg | Dienstag, den 19.11.2024

Faszinierende Sammlung, die ins Gewicht fällt

Wie vielfältig und interessant die Geschichte der Gewichte ist, begeistert nicht nur (v. 1.) Wolfgang Stroop (zweiter Vorsitzender). Er freut sich über die eindrucksvolle Sammlung, die Frank Junge dem Heimatverein vermacht hat. Franz-Josef Laukemper und Reinhard Hochstetter haben sich von der Faszination anstecken lassen. Fotos: Addicks

Von MAREIKJE ADDICKS

Rietberg (gl). Zahlen und verlässliche Maßeinheiten bestimmen den Handel und damit unsere Welt. Doch dass dies nicht immer so selbstverständlich zeigt nun eine ganz besondere Ausstellung: Das Rietberger Heimathaus ist nämlich um einige gewichtige Exponate reicher – im wahrsten Wortsinn heute sind in dem altehrwürdigen Fachwerkgebäude an der Klosterstraße Gewichte, Waagen und weitere zur Bemessung bestimmte Werkzeuge zu sehen, die Menschen in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten verwendeten.
Wer nun glaubt, dass es dann nur ein paar Stücke zu sehen gibt, weil die Maßeinheiten ja alle eindeutig geklärt sind, der irrt. Denn früher hatte jede Stadt ihre eigene Gewichtsgießerei, deren Produkte alle unterschiedlich viel wogen, und auch die Maßeinheiten lauteten damals nicht etwa Kilogramm oder Meter, sondern Pfund und Unzen oder Ellen und Zoll.
So manchem entspringt ein Sprichwort wie „Sein Licht nicht unter den Scheffel stellen“. Ein Scheffel war ein geeichtes Messgefäß, welches vor allem für Getreide verwendet wurde. „Geeichte Maßeinheiten gibt es in Deutschland aber erst seit Gründung der Zollunion 1872“, weiß Reinhard Hochstetter zu berichten.
Mit Einzug der dem Heimatverein nun vermachten Sammlung scheint die Begeisterung für dieses komplexe und hochinteressante Thema auch auf ihn übergesprungen zu sein.
Doch wie kam es überhaupt dazu? Frank Junge aus Hamm hat der Liebe wegen seinen Wohnsitz in die Stadt der schönen Giebel verlegt. Doch damit kam die Frage auf: „Wohin mit der Sammlung?“, sagt der 71-jährige Wahl-Rietberger. Einige tausend Teile hat er über die Jahre hinweg zusammengetragen. Immer auf Trödel- und Antikmärkten unterwegs, wurde er oftmals fündig – sogar im Urlaub in Marokko – und ließ die im Alter von 14 Jahren erwachte Leidenschaft für dieses Hobby zu einer stattlichen Sammlung anwachsen.
Viele der Gewichte, die damals auf den Märkten zum Einsatz kamen, bestehen aus Blei – gegossen in ganz unterschiedlichen Städten Deutschlands. „Zu erkennen ist das an den Stempeln“, erklärt Junge. Doch bevor es geeichte Gewichte gab, wurde viel geschummelt: „Die Gewichte waren innen hohl und wurden mit Bleikügelchen gefüllt“, erklärt Hochstetter und schraubt den Knauf eines Gewichts ab. Und so wanderten denn mal mehr Kügelchen in das Behältnis als vorgesehen.

Da wird betuppt, was das Zeug hält
Rietberg (mad). Auch beim Wiegevorgang wurde betuppt: „Da wurden die Kartoffeln einfach mit Schwung in die Waagschale geschüttet, so diese einmal anschlug – dabei waren es neun statt zehn Kilo“, erinnert sich Franz-Josef Laukemper vom Heimatverein.
Anderorts setzte man auf Ehrlichkeit unter den Augen Gottes: „Die Elle als Maßeinheit für Stoffe hing mit einer Kette an der Kirche“, verrät Wolfgang Stroop mit einem verschmitzten Lächeln.
Auch bestanden nicht alle Gewichte in früheren Zeiten bloß aus Blei oder Messing: „Die wertvollsten Gewichte aus der Hansezeit beispielsweise sind sogar vergoldet“, sagt Frank Junge. Wiederum andere Gewichte waren aus der Not geboren, denn in Kriegszeiten wurde nahezu alles, was aus Metall bestand, für die Waffenindustrie eingeschmolzen.
Also behalf man sich mit Notstandsgewichten aus Keramik, die wiederum mit Blei aufgefüllt wurden, bis sie das korrekte Gewicht aufwiesen.
Interessant: Früher waren die Menschen beileibe nicht rückständiger mit den Maßeinheiten bezüglich der Genauigkeit „Schon 4000 vor Christus gab es Waagen, und die Römer hatten einheitliche Gewichte. Die Kleinkrämerei ging erst danach los sagt Hochstetter. Und wer glaubt, die mechanische Waage habe in modernen Zeiten ausgedient: Fehlanzeige. „Apotheker sind verpflichtet, eine solche Waage zu haben, für den Fall eines Stromausfalls“, ergänzt er.

Mehr als ein halbes Jahrhundert war Frank Junge beharrlich auf der Jagd nach neuen Stücken für seine umfangreiche Sammlung. Manche Stücke habe er über Vitamin B“ erstehen können – beispielsweise nach der Auflösung eines Eichamts. Für andere Stücke reiste Junge bis nach Polen und in die Ukraine und belas sich immer mehr über die Geschichte der Gewichte.
Wenngleich ihm auch ein kleines bisschen Wehmut anzumerken ist, ist Frank Junge im wahrsten Wortsinne erleichtert, dass seine Sammlung in so gute Hände gekommen ist. Und: Seine Schätze bleiben ja in der Nachbarschaft.
Zu sehen sind sie ab sofort immer dienstags zu den Öffnungszeiten von 14 bis 17 Uhr.

In Kriegszeiten gab es sogenannte Notstandsgewichte, meistens aus Keramik gefertigt.

Aus Russland stammen dieses Gewicht und die Waage, die Frank Junge in den Händen hält.

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