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Die Glocke | Nr.: 71 | Rietberg | Dienstag, den 25.03.2025

Rietberg: Integration ist Abenteuer und Aufgabe zugleich

Autorin Evelyne Waithira Müller stammt aus Kenia. Über ihre Erfahrungen, in Deutschland Fuß zu fassen, spricht sie am 26. März.

Rietberg (ira) – Kenia, Großbritannien, Deutschland: Ihr Leben hat Evelyne Waithira Müller schließlich nach Ostwestfalen geführt. Mit dem britischen Militär kam sie 2006 nach Deutschland, 2010 entschied sie sich zu bleiben – der Liebe wegen. Ihre Erfahrungen und Erlebnisse verarbeitete sie in ihrem Buch „Frau Müller, die Migrantin“, das 2024 erschienen ist. Am Mittwoch, 26. März, kommt Evelyne Waithira Müller nach Rietberg. Diese Zeitung hat vorab mit der Autorin gesprochen.

Wie fühlt es sich an, neu Fuß zu fassen?


„Die Glocke“: Frau Müller, am morgigen Mittwoch veranstalten Sie eine Lesung im Heimathaus Rietberg. Worum geht es in Ihrem Buch?

Evelyne Waithira Müller: In meinem Buch schildere ich, welche Erfahrungen Menschen machen, die nach Deutschland zuwandern. Ich möchte einen Einblick geben, wie Integration sich anfühlt und was für emotionale Herausforderungen auf einen dabei zukommen. Es wird oft über Integration gesprochen, aber wie geht es den Menschen, die hier arbeiten, die Sprache lernen und sich ein neues Leben aufbauen wollen? Nicht alle, aber viele Menschen machen die gleichen Erfahrungen. Und diese sollen wissen, dass sie nicht allein sind. Auch Einheimische bekommen in meinem Buch einen Einblick. Vielleicht kann ich dafür sorgen, dass mehr Verständnis für Menschen aufkommt, die nach Deutschland migrieren. Es gibt aber auch universelle Themen in meinem Buch, die beide Seiten ansprechen wie beispielsweise die Vergebung und die Einsamkeit. Das verbindet die Menschen, die hier leben und die, die zugezogen sind.

„Die Glocke“: Ihr Buch ist 2024 im Paderborner Bonifatius Verlag erschienen. Was hat Sie dazu bewegt, dieses Buch zu schreiben?
Evelyne Waithira Müller: Ich lese selbst gern und habe nach Literatur gesucht, die diese Themen anspricht. Leider habe ich nicht viel gefunden. 2020 hatte ich bereits die Idee, ein Buch zu schreiben. 2022 kam dann der finale Dreh und die Entscheidung, dass ich über die Migration – auch meine eigene Migrationsgeschichte – und Erfahrungen schreiben möchte. Ich habe auf Englisch geschrieben, und der Verlag hat mein Buch dann ins Deutsche übersetzt.

Anschluss finden braucht Zeit

„Die Glocke“: Sie waren als Soldatin in Deutschland stationiert. Wie haben Sie diese Zeit in Deutschland wahrgenommen?
Evelyne Waithira Müller: Als Soldatin in der britischen Armee wird man anders wahrgenommen. Man ist privilegierter und hat auch wenige Berührungspunkte mit der einheimischen Bevölkerung. Das habe ich auch gemerkt, als ich die Armee verlassen habe und dann versucht habe, mich hier zu integrieren. Das war viel schwieriger, weil man anders wahrgenommen wurde.

„Die Glocke“: Wie schnell haben Sie Deutschland als neue Heimat empfunden und was hat diesen Prozess erschwert?
Evelyne Waithira Müller: 2010 habe ich die Armee verlassen und habe beschlossen zu bleiben. Hier habe ich auch meinen Mann kennengelernt. Es hat lange gedauert, bis ich mich hier zu Hause gefühlt habe. Was es erschwert hat, war natürlich die Sprache. Sprache vermittelt einem ein Gefühl von Heimat, und Deutsch ist auch eine ziemlich schwere Sprache zum Lernen. Ich hatte das Gefühl, von null anfangen zu müssen. Es war für mich auch schwer, Kontakte zu knüpfen, obwohl ich keine zurückhaltende Person bin. Die Menschen hier in Ostwestfalen-Lippe sind zurückhaltender, und ich bin auch noch in einen kleinen Ort gezogen und nicht in die Stadt. Da war ich erstmal „die Fremde“.

„Die Glocke“: Gab es auch Umstände, die den Prozess erleichtert haben, dass Sie sich in Deutschland heimisch fühlten?
Evelyne Waithira Müller: Mir hat es geholfen, dass ich Deutsche kennengelernt habe, die meinten, dass selbst sie Probleme hätten, in Ostwestfalen-Lippe Kontakte zu knüpfen. Scheinbar sind die Menschen hier zurückhaltender als in anderen Teilen Deutschlands. Ich komme gebürtig aus Kenia, und dort wird anders auf Leute zugegangen. Man redet auf der Straße und kennt seine ganze Nachbarschaft. Hier in Deutschland dauert das länger und kann auch schon einmal Jahre dauern. Ich habe mir dann auch bewusst gemacht, dass ich selbst tätig werden und auf die Menschen zugehen muss. Ich habe beispielsweise Ehrenämter übernommen, und auch über die Kirchengemeinde habe ich viele Kontakte geknüpft. Ich selbst komme aber auch aus einer privilegierten Position, dass ich es mir erlauben konnte, ehrenamtlich zu arbeiten.

Erfahrung mit Alltagsrassismus

„Die Glocke“: Haben Sie sich als schwarze Person in Deutschland willkommen gefühlt?
Evelyne Waithira Müller: Nicht wirklich. Es gab einzelne Personen, die mir das Gefühl gegeben haben, aber im Großen und Ganzen nicht. Ich weiß nicht, ob es an der Zurückhaltung liegt oder daran, wie das Thema Migration derzeit in Politik und Medien dargestellt wird und die Menschen nur dementsprechend reagieren. Ich habe auch Freunde aus England, die nach Deutschland migriert sind, und die werden anders behandelt. Bei ihnen sind die Menschen neugierig und haben Bewunderung übrig. Ich als schwarze Person und auch andere Personen aus Afrika werden anders behandelt.

„Die Glocke“: Haben Sie in Deutschland viel Rassismus und Alltagsrassismus erfahren?
Evelyne Waithira Müller: Rassismus ist natürlich ein Thema, wenn man dunkle Haut hat. Als ich mit meinem Mann in unser Haus gezogen bin, kam zum Beispiel eine Person, die mir ihre Altkleider geschenkt hat. Damals konnte ich noch nicht gut Deutsch sprechen und ich war auch zu perplex, um zu reagieren. Ich weiß, dass die Person das nicht böse gemeint hat, aber der Untergedanke scheint ja da zu sein, dass Menschen aus Afrika arm sein müssen. Heute hätte ich anders reagiert und ihr meine Altkleider auch in die Hand gedrückt. Oder im Supermarkt an der Kasse zum Beispiel hat die Kassiererin einfach ohne Ankündigung in meine Tasche gegriffen und darauf bestanden, dass sie hineingucken darf. Das war keine körperliche Auseinandersetzung, aber es sind auch solche Erlebnisse, die sich einfach addieren. Ich könnte noch Tausende andere Ereignisse schildern.

„Die Glocke“: Wie nehmen Sie die politische Lage zurzeit in Deutschland wahr?
Evelyne Waithira Müller: In meinem Umkreis waren erst einmal viele Menschen besorgt – ich auch. Da kommen dann Sorgen und Ängste um die Zukunft auf. Es gab ein großes Bedürfnis in meinem Umkreis über die Wahlergebnisse zu sprechen und über das, was gerade geschieht und wie man sich damit fühlt.

Die Lesung von Evelyne Waithira Müller findet im Heimathaus Rietberg am Mittwoch, 26. März, ab 18 Uhr statt.

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