Die Glocke | Nr.: 175 | Rietberg | Dienstag, den 31.07.2025
Totenzettel: Letzte Worte für die Ewigkeit
Von Cindy Tissen, Fotos: Tissen, Heimatverein Rietberg
Rietberg (gl). Geboren 1824, verstorben 1896 – das steht auf dem Totenzettel zum Andenken an Wilhelm Rüdingloh. Es ist einer von 5400 Totenzetteln, die sorgsam im digitalen Archiv des Heimatvereins Rietberg gespeichert sind. Einst als stille Erinnerung an Verstorbene gedacht, sind die kunstvoll gestalteten Karten heute eine wertvolle Quelle für Ahnenforscher und Heimatinteressenten.
Seit drei Jahren sammeln Mitglieder des Heimatvereins Rietberg alte Dokumente, Fotos und Gegenstände aus Rietberg und Umgebung, darunter auch Totenzettel. Aus den unterschiedlichen Exemplaren sind inzwischen 19 000 digitale Profile über Personen entstanden – mit Namen, Berufen, Familienverhältnissen und sogar Angaben zu Hausstand oder persönlichen Gegenständen.
Die Idee dazu kam Wolfgang Stroop, zweiter Vorsitzender des Heimatvereins Rietberg, nachdem sein Vater „alte Fotos wegwerfen wollte, weil er die Menschen darauf nicht mehr kannte“, sagt er. Stroop schlug daraufhin dem Verein vor, Recherche in diese Richtung zu betreiben und ein Archiv aufzubauen. Daraus ist längst ein Erfolgsmodell geworden.
Besonders ins Auge fallen die Totenzettel aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sie berichten in wenigen Zeilen vom Leben und Sterben ihrer Protagonisten: „Da ist beispielsweise die Frau, die auf dem Weg zur Kirche in der Ems ertrank“, erinnert sich Vorstandsmitglied Ute Merschbrock. „Solche Zettel bleiben einem im Kopf.“
Totenzettel wie dieser sind nicht nur persönliche Erinnerungen, sondern auch Spiegel gesellschaftlicher Konventionen. So werden verstorbene Frauen häufig nur klein unter dem Namen ihres Ehemanns genannt – eine Praxis, die bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts üblich war. Frauen wurden zu der Zeit über ihre Ehemänner definiert und standen auch an ihrem Todestag nicht im Mittelpunkt. Bei ledigen Männern steht oft „Jüngling“, bei unverheirateten Frauen „Jungfrau“ dabei. Fast immer enthalten die Zettel die wichtigsten Daten: Geburts- und Sterbedatum sowie -ort, Ehepartner, manchmal auch der Beruf oder Details über den Tod, wie etwa bei Gefallenen aus den Weltkriegen.
Das Besondere: Alle Daten werden digitalisiert, miteinander verknüpft und in einer Datenbank der Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde gespeichert, auf die jeder zugreifen kann. Per Suchbegriff und Filter können Nutzer dort gezielt nach Verstorbenen aus ihren Familien suchen, auch weit zurück.

Kleine Einblicke in das Leben der Verstorbenen geben Totenzettel vor allem aus vergangenen Tagen. Heute enthalten sie meist nur noch den Namen sowie das Geburts- und Sterbedatum. In alter Zeit war auf den kleinen Druckerzeugnissen wesentlich mehr zu lesen.

Archiviert werden die Andenken von Eira Speit und Wolfgang Stroop, zweiter Vorsitzender des Heimatvereins Rietberg.
Für Ahnenforscher besonders nützlich
Die Rietberger Sammlung ist mittlerweile so groß, dass Stroop bereits 200 der insgesamt 5400 Totenzettel online zur freien Einsicht zur Verfügung stellte. Und das ist erst der Anfang: „Die Zahlen steigen ständig“, sagt Ute Merschbrock. Ziel sei es, alle Zettel online zu stellen.
Immer dienstags und freitags bringen Bürger neue Totenzettel ins Heimathaus, um die Sammlung zu erweitern. „Die Rietberger passen gut auf die Zettel auf. Die meisten sind in einem guten Zustand“, betont Ute Merschbrock.
Rund 20 ehrenamtliche Mitglieder kümmern sich aktuell um die Pflege und Eingabe der Daten. Die Totenzettel werden dabei nicht nur isoliert erfasst, sondern in Stammbäume eingebunden. So entstehen nach und nach ganze Familiengeschichten. Das aus einer privaten Idee entstand, hat mittlerweile viele Nachahmer gefunden: 45 Heimatvereine arbeiten inzwischen mit demselben Programm und sind untereinander vernetzt.
Vor allem für Ahnenforscher oder bei Nachfragen aus Familien sind die erhobenen Daten wertvoll. Laut Stroop kommen immer wieder Nachkommen verstorbener Rietberger ins Heimathaus, um etwas über ihren Stammbaum herauszufinden. Langfristig will der Heimatverein die Sammlung nicht nur archivieren, sondern auch komplett öffentlich zugänglich machen. Bereits erschienen und weiter in Arbeit sind Fotostrecken, Ausstellungen und Bücher. Dazu werden auch aktuelle Totenzettel gesammelt: „Die heutigen Totenzettel sind irgendwann auch alt, deshalb nehmen wir jeden auf, ganz ohne Auswahlkriterien“, sagt Ute Merschbrock.


Weitere Andenken werden gesucht: Der Heimatverein nimmt weiterhin Totenzettel, aber auch andere alte Dokumente, Bilder und Gegenstände entgegen, um das Archiv zu erweitern. Öffnungszeiten sind dienstags und freitags 14 bis 17 Uhr und sonntags 14 bis 18 Uhr. Dank des Mitgliederzuwachses kommt ab dem 1. September auch der Samstag von 14 bis 17 Uhr als weiterer Öffnungstag des Heimathauses hinzu.
Lebensläufe aus vergangenen Zeiten in Kurzform
Viel zu entdecken gibt es auf den archivierten Totenzetteln. Hier vier Beispiele:
Therese Doppmeier: Die unverheiratete Therese Doppmeier wurde am 11. August 1901 in Neubeckum geboren und starb am 18. November 1937 im Rietberger Krankenhaus. Sie litt ungefähr zehn Jahre lang an einer Krankheit, die nach und nach ihre Bewegung einschränkte und sie letztlich vollständig lähmte. Die letzten drei Jahre ihres Lebens war sie vollständig bewegungslos ans Bett gefesselt. Therese Doppmeier war eine sehr gläubige Frau und sah ihr Leben nicht als tragisch, sondern als von Gott bestimmt an, weshalb sie ihren Lebenswillen bis zum Schluss nicht verlor. „Sie zerbrach darum nicht am Leid, sondern überwand es in Liebe zu Gott und den Mitmenschen“, steht auf ihrem Totenzettel. Bis zuletzt kümmerte sie sich mit klugem Rat und Aufrichtigkeit um die Sorgen ihrer Mitmenschen, die zu „Threschens Krankenlager kamen“, heißt es weiter.
Karl Agethen: Zum Zeitpunkt seines Todes war Karl Agethen Amtsbürgermeister im Ruhestand. Geboren in Henglarn, im ehemaligen Kreis Büren, ist er am 6. März 1882. Gestorben ist er in Rietberg am 8. Juni 1949. Nach seinem bestandenen Abitur am Gymnasium in Brilon-Ostern im Jahr 1904 widmete er sich juristischen Studien und war in der Verwaltung tätig. Fünf Jahre lang leitete er das Amt in Harsewinkel, danach 22 Jahre lang das Amt in Rietberg. Seine Arbeit verrichtete er laut Totenzettel gewissenhaft, zudem sei er tief religiös gewesen. Wichtig war ihm vor allem seine Familie – und zwar bis zuletzt: „Seine letzte und einzige Sorge galt dem Wohlergehen seiner Familie“, steht in dem Andenken.
Adalbert Bünis: Mönch im Franziskanerkloster war Adalbert Bünis. Besonders an diesem Totenzettel: Das Geburtsdatum fehlt. Gestorben ist er jedoch am 26. April 1962 in Rietberg im Alter von 79 Jahren. Der aus Heintrop im Kreis Soest Stammende gehörte fast 60 Jahre zum Franziskanerorden und sah darin ein erstrebenswertes Ideal, heißt es auf seinem Totenzettel. Eingesetzt war er in den Klöstern Warendorf, Aachen, Düsseldorf, Vlodrop in Holland, Dorsten, Mühlen, Sant Elia in Italien, Attendorn und Paderborn, in denen er als Schneider für seine Mitbrüder tätig war. „Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Unteroffizier an der Ostfront und diente als Malteser den verwundeten Soldaten im Festungslazarett in Antwerpen“, heißt es auf dem Totenzettel. „Im Zweiten Weltkrieg erlebte er den schweren Bombenangriff auf Paderborn.“ Im Jahr 1946 versetzte man ihn nach Rietberg, wo er im Sommer 1961 schwer erkrankte und daraufhin starb.
„Stille, selbstlose Seele und Helferin“
Elisabeth Geissel, geborene Schaefer: Die verstorbene Elisabeth Geissel wurde in Batenhorst am 12. März 1823 geboren und starb in Rietberg am 10. Dezember 1894. Verheiratet war sie mit ihrem Ehemann A. Geissel. „Sie war eine stille, selbstlose Seele, ein frommes Kind ihrer heiligen Kirche, eine gute Mutter und den Armen und Notleidenden eine liebreiche Helferin“, steht auf ihrem Totenzettel. Bis zu ihrem letzten Tag war das Wohl ihrer Familie das Wichtigste für sie.

„Sie haben durchbohrt meine Hände und Füße, alle meine Gebeine haben sie gezählt“
Fromme Gebete sind auf fast allen Totenzetteln zu finden, die früher in
Rietberg verteilt wurden.