Heimatverein Rietberg

Rietberg – Menschen, Geschichte, Denkmal-, Umwelt- und Naturschutz

Kabarettist René Sydow

Die Glocke | Nr.: 99 – 17. Woche – 144. Jahrgang | Rietberg | Samstag, den 27.04.2024

Kabarettist René Sydow in Rietberg

Die Sprache kann so vieles und braucht keine Leitplanke
Mit viel Humor greift René Sydow in seinem Programm im Heimathaus Themen auf, die in unserer heutigen Gesellschaft widerspiegeln.

Von Mareikje Addicks
Rietberg (mad) – „Ich bin überall nicht gerne und jeder bekommt hier heute sein Fett weg“, macht René Sydow mit einer markigen Ansage gleich zu Beginn des Kabarett-Abends klar. Ein Abend, der – und das darf man sagen – sämtliche Erwartungen bei weitem übertraf.

Einige Besucher waren zunächst zur Cultura gelaufen, in der die Kulturig-Veranstaltung ob ihrer Programmfülle und Qualität sicherlich eine würdige Bühne gefunden hätte. Wäre das passend gewesen? Ja, aber sie fand im Heimathaus statt – in einem Ambiente, welches der Künstler wegen der unmittelbaren Nähe zum Publikum durchaus zu schätzen wusste. Dabei stellte René Sydow sein Auditorium vor echte Herausforderungen, weil er es mit vielen Meinungen und Ansichten konfrontierte. Wird es nicht schwierig, einen Abend, an dem der Kabarettist mit teilweise atemberaubendem Tempo durch seine wohlformulierten Sätze seines hochdurchdachten und in fünf Kapitel unterteilten Programms rast, zusammenzufassen? Ja, aber es sei zumindest versucht.

Rassismus, Sexismus, Faschismus, Politik, Klimakrise, Gendersprache – eckt man mit solchen Themen nicht an? Ja, aber René Sydows knöpft sie sich dennoch vor, denn das ist Kabarett. Seine Ausführungen werden getragen von einer den gesamten Abend stützenden Aussage: „Die Sprache ist voller Fallstricke und Fallgruben. Aber sie ist das Beste, was wir haben.“ Oft werde er dafür kritisiert, sich nicht klar zu positionieren, offenbarte der 44-Jährige. „Ich bin weder rechts noch links. Ich bin verzweifelt“, sagte er. Ohnehin mache es wenig Sinn, sich für die eine oder andere Seite der Münze entscheiden zu müssen, wenn man doch feststellen müsse, dass die Münze ein falscher Fuffziger sei, meinte er und regte sein Publikum zum Querdenken an. „Uuuh, schlimmes Wort. Früher war es positiv, aber wenn Sie heute ein falsches Wort benutzen, sind Sie ein Schwurbler oder gar Rassist“, mahnte Sydow.

Foto: Addicks

Jugend flüchtet in eine Scheinwelt

Ob etwas hohles Gerede sei, könne schon physikalisch erklärt werden, wies der in schwarz gekleidete Kabarettist hin. „Achten Sie einmal auf die Reden im Bundesparlament: Hohle Gefäße machen mehr Klang als gefüllte“, sagte er und kritisierte sogleich die momentane Kriegsstimmung. „Irgendwie haben alle Lust auf Krieg. Ist das nicht erschreckend?“, fragte er und erinnerte sich an Ex-Kanzler Helmut Schmidt: „Lieber 100 Stunden vergeblich verhandeln, als eine Minute schießen.“

Trotzdem sei das Land so langweilig, dass sich die Jugend ins Internet flüchtete. Dabei unterwerfen sich die zumeist jungen Leute einer Scheinwelt, in der alles perfekt sein muss. Der Urlaub, das Essen auf dem Tisch und – nicht zuletzt – der eigene Körper.

Dabei verlaufe sich alles Menschliche im Internet und der Mensch lasse sich über Fitness-Armbänder und Krankenkassen-Bonusprogramme zu einer unerschöpflichen Datensammelmaschine machen.

Vorsicht sei ebenfalls geboten bei der Kommunikation, denn allzu schnell könnte ein falsches oder weggelassenes Wort das Gegenüber verletzen. „Heute sind die Menschen allerdings sensibel, nicht beleidigt“, erklärt Sydow mit vielsagender Mimik und wird in Sachen Gendersprache sogleich fachlich: „Die Verbindung von Linguistik mit der Biologie ist reine Befindlichkeit“, sagt er, denn: „Das generische Maskulinum meint alle und Studierende ist ein völlig falsches Wort.“ Echte Gleichberechtigung lasse sich nicht mit der Verbiegung der Sprache erzielen. „Ja, es gibt Rassisten und Sexisten. Das sind Vollidioten mit zelebraler Grundausstattung.“ Dennoch brauche es weder Moralapostel oder Leitplanken des Denkens.

„Ja, und außerdem…“

Aber vielleicht ist ohnehin alles vergebens, denn das Ende der Welt naht. Stichwort: Klimakatastrophe. „Der Anteil des weltweiten Co2-Ausstoßes liegt in der gesamten EU bei acht Prozent. Allein Asien und Südamerika verursachen 72 Prozent. Die Zukunft dieses Planeten wird nicht von uns entschieden, sondern von armen Menschen, die sich nicht um Klimaschutz kümmern können“, verdeutlicht Sydow. Da kann man argumentieren, wobei es zuweilen – passend zum Thema – hitzig wird. In China übrigens begegnet man dem anders denkenden Gesprächspartner nicht mit „Ja, aber“, sondern mit „Ja, und außerdem“, was eine Wertschätzung der Gegenmeinung darlegt. Oder frei nach Voltaire: Ich bin nicht deiner Meinung, aber ich würde dafür kämpfen, dass du sie äußern darfst. Und so lautete Sydows Fazit: „Alles ist Sprache, Sprache ist alles. Wortwörtlich wertvoll.“ Für alle, die Lust auf Kabarett statt Computer hatten, war dieser Abend eine Bereicherung – im wahrsten Sinne dieses bedeutsamen Wortes. Bleibt die Frage: Hätte der Künstler nicht eine größere Bühne verdient? Ja, und außerdem…

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